Leseprobe aus NAGLFAR

Unten ein kleiner Auszug aus „NAGLFAR – Das Schiff der toten Götter“ zum Reinlesen. Am Ende der Seite kann die Leseprobe auch als PDF heruntergeladen werden.

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Bergbaukomplex Svea II, Spitzbergen, Norwegen,
1.400 Kilometer nördlich des Polarkreises
19. August

Der Rauch der letzten Explosion hatte sich verzogen. Nur ein fauler Geruch hing noch in der Luft – wie eine Mischung aus Ammoniak und verbranntem Papier. Wassili Petrov trat in den Stollen und knipste seine Stirnlampe an. Er winkte seinem Kollegen Leif Gulbrandsen, ihm nachzukommen. Dann schaltete er die an seinem Overall befestigte Bodycam ein und startete die Aufzeichnung. Er hörte, wie Gulbrandsen hinter ihm das Handfunkgerät vom Gürtel nahm und Meldung machte.
„Wir gehen rein“, sagte er knapp und ließ die Sprechtaste mit einem Knacken wieder los.
Der Stollen vor ihnen schien stabil und weitgehend frei von grobem Geröll. Petrov war immer noch erstaunt über die Präzision der Sprengung. Der neue Emulsionssprengstoff Fluktan C hatte den Grad der Perfektion noch einmal deutlich gesteigert. Er verursachte 40 Prozent weniger Rauch und Staub, konnte auf ein Zehntelgramm genau dosiert werden und er ließ sich im Mischungsverhältnis individuell auf das zu sprengende Gestein abstimmen. Petrov wusste, die Geologie Svalbards war äußerst vielfältig, es gab Granit, Gneis, Schiefer, Sandstein und Lava in den merkwürdigsten Kombinationen. Da war es eine bedeutende Erleichterung, wenn man flexibel sprengen konnte. Und es funktionierte, sie kamen schneller voran denn je. Der Bergbau hier am nördlichsten Zipfel Norwegens, auf der arktischen Inselgruppe Svalbard, war ohnehin schon aufwendig genug. Da musste das Material einwandfrei sein, sonst wurde es schnell mühsam. Und nach Gold zu schürfen war etwas anderes, als nach Kohle zu graben, wie man es früher hier intensiv getan hatte.
Petrov schritt bis ans Ende des zuletzt gegrabenen Stollens und begutachtete das Loch, das nun im Fels klaffte. „Das ist ja merkwürdig“, brummte er und steckte den Kopf hinein. Es war nicht viel zu erkennen, aber offenbar lag eine große Höhle jenseits des Loches. Das war nicht das, was sie erwartet hatten. Aber das hieß nicht, dass es weniger interessant war.
Gulbrandsen trat mit einer leistungsstarken Handlampe an seine Seite. Die gegenüberliegende Höhlenwand wurde sichtbar. „Das ist aber keine Mine“, stellte er fest.
„Nein, schau mal da drüben!“ Petrov deutete auf Ritzungen im Fels, die sich über einen großen Teil der Wand erstreckten. „Das sieht aus wie Höhlenmalerei oder so etwas.“
Gulbrandsen griff wieder zum Funkgerät. „Hier ist ne Höhle“, sagte er knapp.
Petrov schüttelte den Kopf. Der Kerl war sogar für einen Nordnorweger erstaunlich wortkarg.
Aus dem Funkgerät drangen Rauschen und Knistern. Dann ein abgehackter Funkspruch. „Wiederholen. Höhle?“
„Hier ist ne Höhle“, sagte Gulbrandsen stoisch und ließ die Sprechtaste wieder los.
Petrov warf ihm einen skeptischen Blick zu.
Gulbrandsen drückte noch einmal die Sprechtaste. „Da sind Zeichnungen. Wir schauen sie uns an.“
Petrov nickte. „Geht doch. Jetzt komm, wir gehen mal rein und suchen die Höhle ab.“ Er trat durch das Loch und Gulbrandsen folgte ihm mit dem Scheinwerfer.
Die Höhle war unzweifelhaft natürlichen Ursprungs. Es gab keine Spuren von Grabwerkzeugen, Bohrern oder Sprengungen. Petrov kannte sich mit Geologie aus, er war kein einfacher Bergmann, er hatte eine Ausbildung als Erkundungsspezialist. Dieses Gestein war ursprünglich, unberührt. Bis auf die Felsbilder an der Wand. Sie waren eindeutig in den Fels geritzt. In den Vertiefungen war ein Rest rötlicher Farbe zu erkennen. Die Bilder mussten uralt sein, womöglich tausende Jahre. Petrov hatte schon ähnliche Bilder gesehen, man fand sie in Schweden und Norwegen an vielen Orten, meist im Süden. Doch diese Bilder hier schienen noch im Urzustand zu sein. Waren er und der dröge Kollege Gulbrandsen die ersten Menschen, die sie seit Jahrtausenden zu Gesicht bekamen?
„Was ist denn jetzt?“, maulte Gulbrandsen und wedelte mit dem Scheinwerfer in der Hand. „Machen wir Mittag?“
Petrov wandte sich von den Ritzungen ab, die offenbar Szenen altnordischer Mythologie zeigten, und sah seinen Kollegen gnädig an. „Ja, gleich. Ich will noch da rüber.“ Er zeigte auf einen Stollen links der Wand mit den Ritzungen. „Da geht ein Gang ab, den will ich mir ansehen. Gib mir mal die Funke.“
Gulbrandsen stieß ein unwilliges Grunzen aus, übergab das Handfunkgerät und trottete hinter Petrov her.
„Hier Petrov, wir haben eine Höhle mit alten Felszeichnungen entdeckt und erkunden jetzt einen weiteren natürlichen Stollen, der von der Höhle wegführt. Ich melde mich gleich mit Einzelheiten.“ Er ließ die Taste los und wartete auf eine Bestätigung. Doch es drang nur Zischen und Rauschen aus dem Lautsprecher des Geräts. „Vermutlich ist etwas im Gestein, das die Signale stört. Wir sollten später Funkverstärker aufbauen.“
„Jo“, sagte Gulbrandsen und nahm das Funkgerät wieder an sich.
„Okay, dann schauen wir mal, was dort hinten ist. Schließlich sind wir immer noch der Erkundungstrupp. Willst du mit der Lampe vorgehen?“
Gulbrandsen zuckte mit den Schultern und ging stumm an Petrov vorbei.
Der Stollen war etwas zu niedrig, um darin aufrecht gehen zu können, aber hoch genug, um nicht kriechen zu müssen. Ein kalter Hauch kam ihnen entgegen, es war deutlich kühler als in der großen Höhle. Der Stollen führte leicht bergan und es gab praktisch keine größeren Abzweigungen, nur einige Ausbuchtungen links und rechts des Gangs. Daher erübrigte es sich, Markierungen auf dem Weg zu setzten.
Nach etwa 50 Metern fiel der Weg wieder leicht bergab und sie bemerkten zunehmend Eis, das Wände und Boden bedeckte.
„Könnte rutschig werden“, sagte Gulbrandsen. Er hielt an und leuchtete direkt nach hinten.
Petrov hielt sich die Hände vor die Augen. „Hör auf mich zu blenden, du Experte!“, blaffte er. Er war für einen Moment wie blind. Petrov hörte ein gehässiges Lachen seines Kollegen, dann einen Schrei. Auf einmal war es duster. Er blinzelte und versuchte, im dunklen Stollen etwas zu erkennen. „Was ist los? Gulbrandsen!“
Petrov tastete sich vor und leuchtete mit seiner schwachen Stirnlampe in den Stollen. Da war ein Loch. Von unten sah er einen Schein. Und er hörte ein Stöhnen.
„Gulbrandsen“, schrie er nach unten.
„Scheiße!“, dröhnte es herauf.
Petrov entspannte sich etwas. Der Idiot lebte. Er musste durch eine Eisschicht gebrochen sein, die über einem abgehenden Schacht lag. Petrov versuchte, die Tiefe abzuschätzen. Das dürften drei bis vier Meter sein. Am Rand des Schachtes sah er grobe Stufen, die in den Fels gehauen waren. Das mussten Menschen getan haben. Er sah, wie Gulbrandsen sich aufrappelte. Er hielt sich die rechte Seite.
„Bist du verletzt?“, rief er nach unten.
„Rippen geprellt! Verflucht noch eins.“ Er machte eine Pause und sah sich um. „Hier unten ist was.“
„Kümmern wir uns später drum. Ich hole Hilfe“, sagte Petrov und wollte sich umwenden. Da hörte er ein Jaulen von unten. „Was ist denn?“, rief er in den Schacht. „Soll ich runterkommen?“ Er steckte den Kopf in das Loch. Gulbrandsen war nicht mehr zu sehen. Es war offenbar nicht nur ein Schacht. Dort unten befand sich vermutlich eine weitere Höhle. Er konnte von hier oben nicht erkennen, wie groß sie war oder was sich darin befand. Gulbrandsen grölte wieder. Jetzt hörte er sich fast wie ein Tier an. Es hallte von den nackten Felswänden wider und klang unnatürlich laut.
Petrov bekam Gänsehaut am ganzen Körper. Er würde nicht da hinuntersteigen. Um nichts in aller Welt würde er das tun! Er tastete seinen Gürtel ab. Verdammt, wieso hatte er das Funkgerät zurückgegeben? Er blickte wieder in den Schacht hinter sich.
Noch einmal rief er ins Loch. „Gulbrandsen! Ich gehe jetzt Hilfe holen.“
Als Antwort bekam er ein animalisches Grunzen. Das Geräusch klang nun näher. Dann sah er Gulbrandsens Gesicht im Schacht. Es glühte vor Zorn. Seine Augen fixierten ihn wie die eines Raubtieres. Sie waren rot unterlaufen, so als ob die Blutgefäße darin geplatzt waren. Petrov keuchte und zuckte zurück. Er stieß sich den Kopf an der niedrigen Decke, doch er kümmerte sich nicht um den Schmerz. So schnell es in dem beengten Stollen ging, hetzte er los.
Petrovs Gedanken rasten. Was war hier los? Noch immer sah er Gulbrandsens irrsinnigen Gesichtsausdruck vor sich. Er hatte ausgesehen, als wolle er ihn umbringen, mit bloßen Händen erwürgen. Er hörte wütendes Brüllen und Schnaufen hinter sich. Der Kerl kletterte den Schacht hoch. „Scheiße“, fluchte er. Er musste sich beeilen.
Etwas packte ihn am Bein. Petrov schlug der Länge nach hin und stieß einen panischen Schrei aus.
Gulbrandsen zog ihn zu sich und riss ihn herum. Mit roher Gewalt schmetterte er Petrov zu Boden, so dass ihm die Luft wegblieb.
Er starrte wortlos ins Grauen, das im Begriff war, ihn zu verschlingen.
Gulbrandsen holte aus, hieb ihm mit der Rechten ins Gesicht. Er spie Gift und Galle und gab unentwegt bestialisches Grölen von sich.
Petrov wollte schützend die Arme hochreißen, doch Gulbrandsen warf sich auf ihn und drückte ihn mit brutaler Härte nieder. Dann biss er zu. Blut spritzte aus Petrovs Halsschlagader und überzog den wütenden Gulbrandsen von oben bis unten mit einem roten Schwall. Petrov wurde schwindelig, sein Blick verengte sich, in seinen Ohren rauschte es nur noch. Er bekam nicht mehr mit, wie Gulbrandsen den Gang entlang stürmte und dann weiter durch die Höhle in Richtung Mine. Er war über und über mit Blut verschmiert und dennoch lange nicht fertig mit dem Gemetzel.

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