Absurd-witzige Bestseller dank Künstlicher Intelligenz?

Viele Menschen haben ein ausgeprägtes Faible für Zahlen und Daten, manche wollen am liebsten alles messbar machen und mit Kenngrößen bewerten. Wir sehen das täglich in unzähligen Bereichen, von den Schulnoten bis hin zu den Scores der Kreditwürdigkeit. Der Trend macht auch vor der Literatur nicht halt. Damit ist in Zeiten der Digitalisierung aber nicht die Bestimmung der Seitenanzahl eines Buches oder die Umschlaggröße gemeint (obwohl so mancher die Werke auch nach Dicke und Gewicht beurteilt). Viel spannender ist aktuell der Versuch, Bücher inhaltlich mit Künstlicher Intelligenz zu analysieren, um sie nach möglichst objektiven Kriterien zu bewerten und zu klassifizieren. Und mir scheint das eine durchaus reizvolle Idee, solange man es nicht als alleinigen Maßstab nimmt.

Verlockende Schaumgummimaus

Doch wie komme ich darauf? Auf der Leipziger Buchmesse habe ich am Stand von Qualifiction einen Flyer (samt Schaumgummi-Maus) mitgenommen, mit dem man sich für einen Beta-Test der KI-gestützten „Lisa-Analyse“ des Unternehmens anmelden konnte. Ich als technikbegeisterter Schreiberling konnte selbstredend nicht widerstehen und habe den Service, der bisher eher für Verlage gedacht war und momentan 49 Euro kostet, umgehend ausprobiert.

Die Analyse geht nach dem Upload seines Manuskripts (txt, epub, docx oder odt) sehr schnell. Binnen weniger Minuten hat die Künstliche Intelligenz das Buch ausgewertet und mit mehreren tausend erfolgre

icher Verlagsveröffentlichungen verglichen. Neben inhaltlichen und stilistischen Kriterien gibt einem die Software am Ende auch einen Bestseller-Score aus, der angeben soll, wie es um den potenziellen wirtschaftlichen Erfolg bestellt wäre. Ich war neugierig, wie ein eher spezielles Buch von mir abschneiden würde: „Die Weltengang-Maschine“. Hierbei handelt es sich um einen abgedrehten Fantasy-Sci-Fi-Roadtrip mit skurrilem Humor, weswegen ich sehr neugierig war, wie es wohl bewertet werden würde. Und ich bin teilweise etwas überrascht.

98 Prozent Fantasy – 0 Prozent Science-Fiction

Zunächst einmal zu Genre und Thema: Ich dachte, ich hätte einigermaßen viele Science-Fiction-Elemente im Buch, doch Lisa ist anderer Meinung. 0 Prozent Science-Fiction. Bäm! Ich schreibe 98-prozentige Fantasy. Zu 2 Prozent passe ich ins Genre Liebesroman und zu 1 Prozent in Thriller. Okay, damit kann ich leben. Hauptsache, die Liebe nimmt nicht Überhand.

Ebenfalls interessant ist die thematische Analyse. Darin gliedert die Software auf, welche Themen mit welcher Häufigkeit vorkommen. Lisa erklärt dazu, dass sie „10 Themenfelder identifiziert, die in diesem Werk am stärksten besetzt sind. Darunter sind sowohl primäre, konkrete Themen, welche die Handlung des Werks genau charakterisieren als auch solche Motive, die auf einer höheren Ebene Beziehungen, Haltungen, Kommunikationsweisen etc. beschreiben.“

Für mich heißt das, ich schreibe viel über „körperliche Nähe und Berührung“ sowie „Technik“ und „intime Kommunikation“. Darüber musste ich eine Weile nachdenken, weil sich mir manche der Begriffe hier nicht sofort erschlossen. Man muss das wohl etwas abstrakter sehen. Meine generelle thematische Exklusivität im Genre Fantasy wird mit 63 Prozent als hoch eingestuft.

Spannungsbogen und Grundstimmung

Im wahrsten Sinne des Wortes spannend ist die Sentimentanalyse. Dazu die Erläuterung von Qualifiction: „Das ‚Sentiment‘ ist ein Wert auf einer Skala von -1.0 bis +1.0. Positive Sätze wie ‚Die Sonne schien und ich war vergnügt‘ besitzen ein positives Sentiment, während Ausdrücke wie ‚Der Mörder schlug brutal zu‘ einen negativen Sentimentwert aufweisen. Aufgezeigt wird die Entwicklung des Sentiments entlang der Romanhandlung. Für gewöhnlich liegt die Kurve dabei vorwiegend im leicht negativen Bereich. Dies ist auf einen literarischen Grundkonflikt zurückzuführen, der die Aufgabe hat, die Handlung voranzutreiben.“

Mehr oder weniger frei übersetzt geht es um Spannungsverlauf, Dramatik und Grundstimmung des Buches – letztere wird im sogenannten „Mittleren Sentiment“ ermittelt. Für „Die Weltengang-Maschine“ heißt das, es geht über weite Teile recht spannungsgeladen zu, das Buch trifft verblüffenderweise letztlich genau den Genre-Mittelwert von -0,28.

Wortstatistiken und Durchschnittswerte

Unter dem Punkt Stil und Statistik wird das Buch hinsichtlich Wortanzahl, -häufigkeit und -exklusivität analysiert. Auch die Satzlängen und der generelle Umfang des Wortschatzes werden bewertet. Ich wusste vorher bereits, dass mein Roadtrip wesentlich kürzer ist als das durchschnittliche Fantasy-Epos, von daher ist das Ergebnis der Längenanalyse nicht verwunderlich. Dennoch ist der statistische Vergleich nützlich.

Bei der Satzlänge treffe ich mit 10 Wörtern pro Satz den Durchschnittswert von 9,9 beinahe auf den Punkt. Was die Vokabular-Exklusivität angeht, liege ich dagegen meilenweit von Durchschnitt entfernt. Auch das ist wenig verwunderlich, denn verglichen mit der klassischen Fantasy, in der es viel um Fabelwesen, Zwerge, Elben und Magier geht, tummeln sich bei mir Säufer, Satanisten, Rentner und völlig Irre. Noch dazu spielt in meinem Buch die Technik eine große Rolle, was bei Fantasy normalerweise nicht der Fall ist.

Lisa zeigt einem auch auf, wie hoch der Anteil der wörtlichen Rede ist, welche Erzählperspektive herrscht und wie die Beziehung der Charaktere untereinander ausfällt. Bei der wörtlichen Rede liegt mein Buch im Mittelfeld, knapp unterhalb des Genre-Durchschnitts. Die Erzählperspektive wird korrekt ermittelt und die Charakter-Beziehungen sind grafisch dargestellt ebenfalls interessant.

Wie viel Bestseller ist drin in der Maschine?

Kommen wir zur alles entscheidenden Frage: Taugt dieses verrückte kleine Buch zum Bestseller? Die Antwort lautet: naja. Ich habe 47 Prozent erreicht. Was heißt das nun? Das Lisa-Handbuch erläutert:

„Der Wert bestimmt nicht, ob ein Buch gut oder schlecht ist. Lisa ermittelt stattdessen, ob der Text eher mehr oder eher weniger Elemente besitzt, um zu einem wirtschaftlichen Erfolg zu werden. Hält sich Ihre Zielgruppe zum Beispiel in einem Nischensegment auf, so wird Ihr Wert vergleichsweise niedrig ausfallen, auch, wenn Ihr Buch für diese Nische genau richtig geschrieben ist. Natürlich spielen auch weitere Faktoren wie Design, Autoren-Biografie und Marketing eine wichtige Rolle, an der die Autor/innen für ihren Erfolg schrauben können.

Ich kann sagen, dass ich mit meinen Werken eher die Nische als den Mainstream bediene. Von daher sind die 47 Prozent tendenziell als ein ganz guter Wert zu sehen. Dennoch: Ein Score wie dieser verleitet – und sei es nur unbewusst – ein bisschen dazu, sich zu überlegen, wie man ihn möglicherweise nach oben treiben könnte, oder was man nun an seinem Stil optimieren soll. Dessen ist man sich auch bei Qualifiction bewusst. Im Handbuch heißt es: „Sie sollen mit dieser Software weder angehalten werden, etwas an Ihrem Text zu verändern, noch nach einem bestimmten Schema zu schreiben. Die Analyseergebnisse können Ihnen aber dabei helfen, Ihr Werk besser einzuschätzen und Ihren ganz persönlichen Zielen dabei näher zu kommen.“

Das ist ein sehr schönes Fazit und eine Perspektive, die ich gerne teile. Software-Tools sind nützlich, aber sie sollten nicht die eigene Kreativität einengen, um damit nur irgendwelchen Zahlen und Kenngrößen zu genügen. Denn Literatur ist meiner Meinung nach trotz allem mehr als Algorithmen erfassen können.

Weiterführende Infos direkt beim Anbieter

Zum Abschluss der Hinweis: Ich habe hier nicht alle Kriterien und Ergebnisse erwähnt, die verfügbar sind, weil das den Rahmen sprengen würde. Weitere Infos gibt es aber auf: Qualifiction.de

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